Warum nicht jedes Kollagen gleich ist
Sie stehen in der Apotheke vor dem Regal. Kollagen für acht Euro. Direkt daneben Kollagen für fünfunddreißig Euro. Auf beiden steht dasselbe — für Gelenke, für Beweglichkeit, für Knorpel. Die Angestellte sagt: „Das teurere ist besser.“ Besser worin, genau? Das sagt Ihnen niemand. Also entscheiden Sie nach dem Preis, weil Sie kein anderes Kriterium haben.
Kollagen ist heute das meistverkaufte Nahrungsergänzungsmittel bei Menschen über fünfzig. Es ist zugleich eine der am schwersten zu durchschauenden Kategorien — und wie ein großer deutscher Test gezeigt hat, ist der wissenschaftliche Nutzen längst nicht so eindeutig belegt, wie die Werbung suggeriert.
Was mit Kollagen im Körper nach fünfzig passiert
Kollagen ist das Protein, das nahezu alles zusammenhält, worauf sich der Körper strukturell stützt — Knorpel, Sehnen, Bänder, Haut, Knochen. Der Körper stellt es selbst her. Doch mit den Jahren verlangsamt sich diese Produktion, während der Abbau ihr davonzieht.
Das zeigt sich leise: eine morgendliche Steifheit, die es früher nicht gab. Ein Knie, das sich auf der Treppe bemerkbar macht. Eine Sehne, die nach Belastung länger braucht, um sich zu beruhigen, als früher.
Die Logik der Nahrungsergänzung klingt einfach: Wenn der Körper weniger produziert, führen wir mehr zu. Doch genau hier wird es kompliziert.
Warum zwei Menschen ganz gegensätzliche Erfahrungen machen können
Diese Aussage stammt von einer realen Nutzerin, die auf einem Ratgeberportal über ihre langjährige Erfahrung mit Kollagenpräparaten bei Arthrose berichtet:
„Ich nehme auch seit 5 Jahren verschiedene Kollagen Kapseln.“
Dem steht die nüchterne Einschätzung von Stiftung Warentest gegenüber, die 2024 achtzehn Gelenk-Nahrungsergänzungsmittel geprüft hat — mit einem deutlich skeptischeren Fazit: „Ergänzen müssen wir Menschen diese Stoffe nicht, unser Körper bildet sie in ausreichender Menge selbst.“
Wie kann ein und dieselbe Stoffgruppe zu derart unterschiedlichen Einschätzungen führen — eine zufriedene Langzeitanwenderin auf der einen, ein „bestenfalls überflüssig“ der Verbraucherschützer auf der anderen Seite? Ein Teil der Antwort ist, dass es sich dabei wahrscheinlich gar nicht um „dasselbe Kollagen“ handelt.
Warum nicht jedes Kollagen gleich ist
Wenn Sie Kollagen zu sich nehmen, wird es im Verdauungstrakt in kleinere Einheiten zerlegt — Peptide. Und genau hier liegt der Unterschied, über den die Verpackung schweigt: es kommt darauf an, wie groß diese Peptide sind und ob sie gezielt für einen bestimmten Zweck hergestellt wurden.
Gewöhnliches Kollagenhydrolysat entsteht, indem Kollagen in zufällige Fragmente unterschiedlicher Größe zerlegt wird. Sogenannte bioaktive Kollagenpeptide werden dagegen in einem kontrollierten Verfahren so hergestellt, dass ein definiertes Molekulargewicht entsteht — bei einer der klinisch am besten untersuchten Varianten liegt dieses bei rund 3 Kilodalton.
Und hier kommt etwas ins Spiel, das jeder wissen sollte, der Kollagen kauft: die Studien wurden an konkreten Peptiden durchgeführt, nicht an Kollagen im Allgemeinen. In einer randomisierten Studie der Universität Freiburg, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nutrients, erhielten 180 Menschen mit Knieschmerzen über 12 Wochen entweder spezifische Kollagenpeptide oder ein Placebo. Die Autoren weisen in ihrer Schlussfolgerung ausdrücklich darauf hin, dass die gemessenen Effekte für die konkret untersuchte Substanz gelten und sich nicht automatisch auf andere Kollagenprodukte übertragen lassen.
Mit anderen Worten: Wenn ein Hersteller auf dem Etikett mit „klinisch geprüftem Kollagen“ wirbt, lohnt sich die Frage, ob tatsächlich der konkrete Rohstoff in Ihrer Packung untersucht wurde — oder nur Kollagen als Kategorie.
Das ist auch der Grund, warum man sich bei Kollagen so schwer an fremden Erfahrungen orientieren kann. Wenn jemand schreibt, es habe geholfen, fehlt die wichtigste Information — welches Präparat es genau war.
Was der große deutsche Test über Gelenk-Nahrungsergänzungsmittel zeigte
Das ist keine Vermutung, sondern das Ergebnis einer unabhängigen Prüfung. Stiftung Warentest hat im Februar 2024 achtzehn Nahrungsergänzungsmittel für Knochen, Knorpel und Gelenke untersucht — mit Produkten auf Basis von Glucosamin, Chondroitin, Hyaluronsäure und Kollagen sowie Pflanzenextrakten und Vitaminen. Das Gesamtfazit: „bestenfalls überflüssig – einige auch riskant“.
- Bei 10 von 18 Produkten fehlten wichtige Warnhinweise auf der Verpackung.
- 7 Produkte überschritten bei einzelnen Vitaminen oder Mineralstoffen die empfohlenen Höchstmengen.
Der Preis pro Tagesportion reichte von 0,14 € bis 2,18 € — ohne erkennbaren Zusammenhang zwischen Preis und Qualität. Zum Kollagen speziell hielten die Tester fest, dass ein wissenschaftlicher Wirknachweis fehlt: der Körper bilde diese Stoffe ohnehin in ausreichender Menge selbst.
Das bedeutet nicht, dass jedes Präparat gefährlich ist — die meisten der 18 getesteten Produkte waren schlicht ohne belegten Nutzen, nicht giftig. Es bedeutet aber, dass ein höherer Preis allein keine Garantie für einen höheren Nutzen ist, und dass es sich lohnt, Verpackung und Beipackzettel genau zu lesen, statt sich auf das Werbeversprechen zu verlassen.
Was über Kollagen behauptet werden darf — und was nicht
Hier ein Detail, das viel verrät. Im EU-Register der zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben finden Sie keine zugelassene Aussage für Kollagen selbst — weder für Gelenke noch für Knorpel.
Zugelassen ist eine Aussage zu Vitamin C: Es trägt zu einer normalen Kollagenbildung für die normale Funktion von Knorpel und Knochen bei. Deshalb findet sich Vitamin C in fast jedem Gelenkpräparat — nicht als nettes Extra, sondern weil es der einzige Bestandteil ist, über den überhaupt etwas behauptet werden darf.
Das heißt nicht, dass Kollagen nicht wirkt. Es heißt, dass die Beweislage bislang nicht die Schwelle erreicht hat, die der europäische Regulator für die Zulassung einer Aussage verlangt. Genau dieser Unterschied geht in der Werbung gerne unter — Stiftung Warentest bringt es mit ihrem nüchternen Fazit „bestenfalls überflüssig“ auf den Punkt.
Was hilft, ganz unabhängig davon, ob Sie etwas kaufen
Ob Sie Kollagen nehmen oder nicht — zwei Dinge haben für die Gelenkgesundheit nach fünfzig einen besser belegten Stellenwert als jedes Pulver.
Die Kraft der umgebenden Muskulatur. Ein Gelenk, das von starker Muskulatur getragen wird, verteilt Belastung anders als eines, das von geschwächter Muskulatur umgeben ist — Muskelkraft gehört zu den am besten belegten Schutzfaktoren für alternde Gelenke.
Ausreichende Eiweißzufuhr. Kollagen ist ein Protein, und der Körper baut es aus Aminosäuren auf, die er über die Nahrung erhält. Ohne ausreichende Eiweißzufuhr fehlt der Baustoff dafür — und der Eiweißbedarf steigt nach fünfzig in der Regel eher, als dass er sinkt.
Praktisches Fazit
- Kollagen ist nicht gleich Kollagen — entscheidend ist die Art des Peptids und ob genau dieser Rohstoff untersucht wurde.
- Eine Studie zu einem Rohstoff gilt nicht für die ganze Kategorie — das sagen die Studienautoren selbst.
- Fremde Erfahrungen sind kein Maßstab — ohne Wissen um das konkrete Präparat gibt es nichts zu vergleichen.
- Ein unabhängiger Test von 18 Produkten fand keinen belegten Nutzen und bei mehreren Produkten fehlende Warnhinweise oder überhöhte Dosierungen.
- Für Kollagen selbst gibt es keine zugelassene gesundheitsbezogene Aussage — nur für Vitamin C.
- Muskulatur und Eiweiß haben einen besser belegten Stellenwert für Gelenke als jedes Nahrungsergänzungsmittel.
- Bei Blutverdünnern oder einer chronischen Erkrankung sprechen Sie vor der Einnahme mit Ihrem Arzt.
Ziel dieses Artikels ist es nicht, Ihnen von Kollagen abzuraten oder es zu empfehlen. Es ist ein Werkzeug zum Lesen des Etiketts — damit Sie in der Apotheke nach etwas anderem entscheiden als nach Preis und Werbeversprechen.
Haben Sie Kollagen für Ihre Gelenke ausprobiert? Hat es gewirkt, oder fühlte es sich wie herausgeworfenes Geld an? Uns interessiert beides — auch die Erfahrung, die nicht aufgegangen ist.
Wer hinter diesem Text steht
Dies ist der erste deutschsprachige Artikel von Sme Vitalio. In der Slowakei bauen wir Inhalte für die Generation 50+ auf — kein Hype, sondern sorgfältig recherchierte, quellenbasierte Information. Uns interessiert, wie sich die Erfahrungen deutschsprachiger Leserinnen und Leser mit denen aus anderen Märkten decken. Wenn Sie eigene Erfahrungen dazu haben, freuen wir uns, davon zu hören.
Quellen
Bei der Erstellung dieses Artikels haben wir folgende Quellen verwendet:
- Stiftung Warentest (2024) — Test von 18 Nahrungsergänzungsmitteln für Knochen, Knorpel und Gelenke
- gutefrage.net — Diskussion mit persönlichem Erfahrungsbericht zu Kollagenkapseln bei Arthrose
- Nutrition and Health Claims — Europäische Kommission — offizielle EU-Seite zu zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben, einschließlich Vitamin C und Kollagenbildung
- Nutrients (2021) — randomisierte kontrollierte Studie der Universität Freiburg zur Wirkung spezifischer Kollagenpeptide auf Knieschmerzen
- EFSA (2009), wissenschaftliches Gutachten — die konkrete Bewertung, auf der die zugelassene Aussage zu Vitamin C und Kollagenbildung beruht
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Wenn Sie an einer chronischen Erkrankung leiden, Blutverdünner einnehmen oder die Einnahme eines Nahrungsergänzungsmittels erwägen, sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker.
— Sme Vitalio
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